Mann am Laptop

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Die Uhr tickt, und keiner schaut hin

Der lauteste Jahrgang der deutschen Nachkriegsgeschichte wurde 1964 geboren, mehr als 1,3 Millionen Kinder in einem einzigen Jahr. Diese Baby-Boomer sind heute Anfang sechzig. Sie sind zumeist noch immer berufstätig, pflegen unsere Angehörigen, verkabeln unsere Häuser und machen die Entgeltabrechnung für deutsche Unternehmen. Doch schon übermorgen gehen sie. Fast alle. Und fast alle gleichzeitig.

Die Anbieter von Payroll-Software und den entsprechenden Services erklären uns, was sie heute für uns lösen. Compliance-Update hier, Gesetzesänderung da, ein neues Software-Feature. Das ist alles richtig, alles nötig und alle machen es. 

Diese Kolumne macht etwas anderes. Sie schaut nicht auf das, was heute quasi tagesaktuell wird. Sie betrachtet vielmehr jene Dinge, die heute entschieden werden müssen, damit die Entgeltabrechnung in ein paar Jahren noch perfekt funktioniert. Und nicht nur diese.

Ja, wir alle leben im Hier und Jetzt. Doch an dieser Stelle wollen wir an übermorgen denken. 

Wie sieht es übermorgen aus?

Eine unbequeme Wahrheit wird zur Realiät

Bis 2036 erreichen rund 4,3 Millionen mehr Menschen das Rentenalter, als junge Leute nachrücken. Das hat das Institut der deutschen Wirtschaft im Juni vorgerechnet. Die Lücke ist größer geworden, vor zwei Jahren betrug sie „nur“ drei Millionen. Laut dem Statistischen Bundesamt ist im Jahr 2035 jeder vierte Mensch in Deutschland mindestens 67 Jahre alt, 2024 war es noch jeder Fünfte. Rund 13 Millionen Erwerbstätige verlassen in den nächsten anderthalb Jahrzehnten den Arbeitsmarkt, das ist etwa ein Drittel aller Arbeitskräfte.

Diese Entwicklung ist schon seit Jahrzehnten nicht überraschend. Man kann die Entwicklung seit langem ausrechnen, es gibt keine Ausrede. Doch was wird genau passieren?

Die Kipppunkte

Zuerst trifft es die Bereiche, in denen schon heute die Luft dünn ist. Gesundheit und Pflege, Handwerk, Industrie, technische Berufe. Und den öffentlichen Dienst, der unsere Meldeverfahren, unsere Betriebsprüfungen und unsere Sozialversicherung verwaltet. 

Kann das an der Payroll einfach so vorbei gehen?

Und schließlich unsere eigene Branche. In vielen Betrieben hängt die Payroll bereits heute an einer einzigen Person. Fällt diese aus oder geht sie, wird es in Windeseile eng. Es gibt bis heute keinen geregelten Ausbildungsberuf für unsere Tätigkeit. Der Nachwuchs kommt über Umwege, durch Weiterbildung, durch Zufall. Das war schon immer so, nur konnten wir es uns früher leisten.

Das Rentensystem

Weniger aktive Menschen, mehr Menschen im Ruhestand. Das ist die Rechnung hinter jeder Rentenreform, hinter der Kapitalrente, hinter dem höheren Renteneintrittsalter. Wir in der Payroll wickeln diese Rechnung ab, Monat für Monat, Lohnart für Lohnart. Wir sehen früh, wenn ein System unter Druck gerät. Wir nehmen es wahr, bevor es in der Zeitung steht.

Eines treibt mir hier deutlich mehr um als alle Szenarien und Rechnungen zusammen. Es sind die vielen Menschen, die am Ende eines langen Arbeitslebens nicht genug Rente zum Leben haben. Altersarmut ist keine Frage von übermorgen, sie wächst bereits heute im Windschatten lauter Diskussionen und Debatten heran. Wir sehen auch in den Lohnstatistiken vieler Menschen, dass deren Rente absehbar nicht reichen wird. Demografie hat nicht nur mit Fachkräftemangel zu tun, sondern auch mit diesen vielen Menschen, die den Laden vierzig Jahre lang am Laufen gehalten haben. 

Der Ausblick

Die gute Nachricht: Übermorgen ist noch nicht komplett entschieden. Wir können heute einiges tun, damit es anders kommt.

Wir in der Payroll können zum Beispiel beginnen, unser Wissen aus den Köpfen zu holen. Alles dokumentieren, was bisher nur eine einzige Person weiß. Vier Augen statt zwei. Wenn wir heute konsequent damit anfangen, unsere Prozesse aufzuschreiben und weiterzugeben, machen wir unser Unternehmen unabhängig von dem einen Tag, an dem jemand nicht mehr kommt. 

Außerdem müssen wir uns noch stärker damit anfreunden, die Routine und ein bisschen mehr den wachsend klugen Maschinen zu überlassen und die knappen Köpfe für die kniffligen Fälle freizuhalten. Ohne fortschreitende Automation wird es nicht mehr gehen, wir brauchen Entlastung. Das ist heute schon so – und übermorgen wird es noch wesentlich wichtiger sein.

Und wir können unseren Beruf sichtbarer machen, wir müssen das sogar! Wir sollten überall erzählen, was wir tun, wie wir ausbilden und warum wir allesamt systemrelevant sind. Niemand bewirbt sich auf einen Beruf, von dem man nie gehört hat.

Die Politik hat auch hier den größten Hebel, ein anerkannter Ausbildungsberuf für die Entgeltabrechnung ist überfällig. Wir bilden die Menschen aus, die das ganze Land bezahlen, und tun das bis heute über Umwege und Zufall. 

Dazu kommt noch etwas anderes, ihr kennt das alle: Jede Vereinfachung im Recht spart eine knappe Hand. Weniger Sonderregeln, weniger Ausnahmen von der Ausnahme und mehr Aufmerksamkeit für die Profis, bevor das nächste Meldeverfahren die Republik überrollt.

Heute Komplexität abbauen schafft übermorgen mehr Freiraum für die Menschen im Lohn. Und wie wäre es, die Rente endlich ehrlich zu rechnen anstatt sie schönzureden? Das würde der Altersarmut wenigstens die Überraschung nehmen und neue Energien für innovative Veränderungen erzeugen. 

Die Uhr tickt schon viele Jahre. Allein, wir hören sie nicht, denn die Zeit schleicht leise voran und im Vordergrund passiert immer etwas Lauteres. Wir diskutieren neue Gesetze und Fristen, debattieren über Urteile und Verordnungen. Doch im Hintergrund wird eine Zukunft gemalt, die wir wachsam mitgestalten sollten. Wir sollten die Zeit effektiv nutzen und mit Mut und Klarheit heute jene Dinge tun, die uns übermorgen helfen.